Meinung: Max Bruckschlögl - "Heimat im Schnee für Kinder und Anfänger"

Meinung von Max Bruckschlögl im Mountain Manager 03/03

Max Bruckschlögl beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema kleine Skigebiete, Kinder und Anfänger. Zu den auffälligsten Veränderungen in dieser Zeit zählt, dass die Anfänger immer jünger und die Eltern immer anspruchsvoller werden. Was sich aber nicht verändert hat ist, wie sich Kinder beim Spielen, in der Skischule, im Schnee verhalten und was dabei für sie wichtig ist. Um dies richtig einschätzen zu können, muss man nur ein paar ganz einfache Dinge beachten.

 

MM-FRAGE: "Was verstehen Sie darunter, den Kindern und Anfängern eine "Heimat" im Schnee oder im Skigebiet zu geben?"

Max Bruckschlögl: "Eine Heimat vermittelt man den Kindern, wenn die Betreuungspersonen oder die Skilehrer richtige Begeisterung vermitteln können, ihre "Schützlinge" gern haben und ihre Ziele vertreten. Die Idee, dass man sich im Schnee, beim Skifahren und im Skigebiet heimisch fühlen sollte, ist sehr bedeutend, da laut einer US-Studie 85% aller Anfänger mit dem Skifahren wieder aufhören. Man ist noch damit beschäftigt, die Gründe dafür herauszufinden und hat aber schon mal eine Gegeninitiative, das Programm "Stay with us" gestartet. Die kleinen Skigebiete haben eine außerordentlich wichtige Funktion - das letzte was ein Kind braucht ist Größe. Das Gelände sollte überschaubar sein, um ein Gefühl des heimisch seins entwickeln zu können. Es zählt nicht, ob man noch eine weitere Aufstiegshilfe anschafft, noch ein Karussell, die lustigsten Figuren etc. - ausschlaggebend sind in erster Hinsicht die Menschen, die mit den Kindern oder Anfängern zu tun haben. Diese müssen ihre Arbeit mit Liebe und Begeisterung tun. Ist diese Voraussetzung gegeben, kann die passende Infrastruktur dazu eine Unterstützung beim Unterricht sein - wenn nicht, helfen auch keine Investitionen in Millionenhöhe."

 

MM-FRAGE: "Stichwort "Funhammer" - wo hört für Kinder der Spaß auf und wo fängt der Stress an?"

Bruckschlögl: "Man muss den Kindern ein entsprechendes Umfeld bieten, eine "Heimat", wo sie sich wohlfühlen, aber ganz wichtig - dann muss man sie in Ruhe lassen. Man darf Kinder nicht ständig zu irgendwelchen Aktionen bringen, auch wenn das für uns Erwachsene oft lustig ist. Dieser Fun, den wir den Kindern bieten wollen, kann für sie oftmals in Stress ausarten - ich bezeichne das dann als negativen "Funhammer". Das wichtigste ist bei allen Aktionen, keinen Stress zu erzeugen. Was Erwachsene aus der Ferne betrachtet ganz locker sehen, ist für Kinder oftmals schneller als erwartet bedrohlich nahe und stressvoll."

 

MM-FRAGE: "Wie groß ist die Bedeutung der technischen Infrastruktur?"

Bruckschlögl: "Kinder verlangen keineswegs nach aufwendigen technischen Installationen - auch wenn ich hier einerseits gegen meine Produkte spreche. Andererseits ist ein Lift oder ein Förderband für Kinder immer lustig, weil sie damit mühelos nach oben gelangen und dann herunterrutschen können - egal wie, und wenn es mit einem Plastiksackerl ist. Negativ ist es, wenn wir in unserer Branche versuchen, das Disneyland nachzubauen. Es ist einfach unpassend, die überladene Szenerie in die Berge zu transferieren. Dies soll natürlich keineswegs gegen das System Disney sprechen - Mickey und Donald im Schnee sind für Kinder absolut toll - aber es ist nicht notwendig, eine derartige Fülle an Attraktionen zu bieten, die auch in Relation viel zu hohe Kosten verursachen. All dies braucht es nicht, damit sich die Kinder im Schnee wohlfühlen. Egal für welche Figuren sich ein Kinderland entscheidet, es muss Stil haben, stimmig sein und zum Umgang mit den Kids passen."

 

MM-FRAGE: "Wie sollte die Betreuung in einem Kinderland gestaltet werden?"

Bruckschlögl: "Bei den Kindern ist man mit extrem unterschiedlichen Talenten konfrontiert. Die Kunst besteht darin, eine Ski-Kindergarten- oder - Anfängergruppe optimal zu beschäftigen, ohne einzelne zu separieren. Da das Leistungsdenken noch nicht so ausgeprägt ist, haben Kinder kein Problem damit, trotzdem miteinander im Schnee zu spielen und zu lachen. Ein Kinderland muss also so gestaltet sein, dass man allen Talenten etwas bieten kann."

 

MM-FRAGE: "Worauf sollte sich die Seilbahnbranche stets konzentrieren? Was steht im Zentrum aller Aktivitäten?"

Bruckschlögl: "Wir verkaufen in unserer Branche in erster Hinsicht die Sonne, die Berge und den Schnee. Dieser faszinierende Stoff ist durch nichts zu ersetzen: er ist hart und weich, warm und kalt und vor allem unvergleichlich schön, sauber und weiß. Jeder kann sich an seine eigene kindliche Freude erinnern, sich im Schnee zu wälzen, einen Schneemann zu bauen oder am Hosenboden einen kleinen Hügel hinunterzurutschen. Dieses tolle Produkt Schnee muss also immer im Zentrum aller unserer Überlegungen und Aktionen stehen."

 

MM-FRAGE: "Wie sollte ein Kinderland optisch gestaltet sein?"

Bruckschlögl: "Man sollte sich immer bemühen, jedem Kinderland einen lokalen Faktor zu verleihen. Es sollte eine Identität haben, die zum Ort, zur Landschaft und zu den Menschen die dort wohnen passt. Kreative Menschen aus der Region sollten hier immer aktiv mit eingebunden werden. Ebenso wie Personen, denen ein solches Projekt besonders am Herzen liegt oder, die handwerkliches Geschick für die Gestaltung mitbringen. Das Kinderland ist eines der meist fotografierten Objekte in einem Skigebiet. Ist das Areal beispielsweise mit einer hässlichen Umzäunung begrenzt, so kann dies alleine die komplette Optik zerstören. Mit solchen Dingen muss man Personen betrauen, die sich voll damit identifizieren. Ich bin absolut dagegen, dermaßen persönliche und wichtige Projekte von außenstehenden Personen designen zu lassen."

 

MM-FRAGE: "Was halten Sie von der Förderung kleiner Skigebiete?"

Bruckschlögl: "Dazu gibt es eine nette Geschichte: Wir haben heuer in einem kleinen oberösterreichischen Dorf im Alpenvorland einen Seillift mit nur 100 m Länge gebaut. Dort in Eberstalzell hat dieser Lift den ganzen Ort belebt und einen riesen Erfolg gebracht. Die Überlegung war die folgende: "Wenn wir nur an 10 Tagen Schnee haben und dann jeweils 100 Karten verkaufen, haben wir immerhin 1 000 schöne Skitage gewonnen und 1.000 Mal, vor allem bei den Kindern, große Freude bereitet. Ein solcher Erfolg rechtfertigt den Aufwand von 20 000,- Euro absolut", soweit die Überzeugung des Bürgermeisters. Deswegen starten wir nun die Initiative "Winter im Dorf": kleine Ortschaften sollen animiert werden, etwas Geld zu investieren und Zentren/ Treffpunkte für jung und alt im Schnee zu schaffen. Ein kurzer Lift mit 80-150 m Länge, ein Förderband, ein Schneekarussell etc. und dann den Betrieb gemeinsam mit der Skischule ev. Volksschule oder Kindergarten organisieren - das sind die Zutaten, um Kindern wieder eine "Heimat" im Schnee zu schaffen, wo sie sich zugehörig fühlen. Für sinnvoll halte ich auch die Unterstützung der kleinen durch große Skigebiete durch mentale Hilfe, Know-how-Transfer, gemeinsame Werbeaktivitäten. Eine solche Unterstützung muss sich aber entwickeln - persönliche Beziehungen, Beratungen, Gastronomie- Austausch - alles wird möglich, wenn das persönliche Engagement dazu passt."

 

MM-FRAGE: "Wie sehen Sie den sozialen Aspekt der Sportart Skifahren?"

Bruckschlögl: "Skifahren ist eine der wenigen Sportarten, bei der die verschiedenen "Klassen" zusammenkommen. Gerade in einem kleinen Ort treffen sich am Anfängerhügel jung und alt, arm und reich etc. - das kleinste Skigebiet wird zum gesellschaftlichen Treffpunkt und Kommunikationszentrum. Skifahren ist grundsätzlich eine Elitesportart, wenn man es so betrachtet, dass sie nur von 3% in ganz Europa ausgeführt wird. Gelingt es uns jedoch, aus diesen 3% 4 zu machen, so ist unsere Zukunft und die der nächsten Generationen in unserer Branche gesichert."

 

MM-FRAGE: "Worauf sollen sich Skigebiete im Kinder- und Anfängerbereich in der Zukunft konzentrieren?"

Bruckschlögl: "Die Skigebiete müssen in erster Linie auf die Personalentwicklung setzen. Das wichtigste Kriterium für ein erfolgreiches Kinderland sind begeisterte, engagierte, gut ausgebildete Mitarbeiter, die auch die wesentlichen Ziele im Blickpunkt haben. Das Hardware-Wettrüsten ist längst überholt; die menschlichen Aspekte zählen immer mehr. Vielleicht schaffen gerade wir es in den Bergen, noch etwas mehr Menschlichkeit und Atmosphäre zu vermitteln und damit bei den großen und kleinen Gästen zu punkten."

2003-05-01

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